Beeindruckende Begegnung mit NRW-Polizisten in Afghanistan
Ihre Dienstwagen sind fast sechs Tonnen schwer, haben bis zu 300 PS und sind innen komplett mit silbern schimmernden Stahlplatten ausgepanzert. Eigentlich leisten sie Polizeidienst in Rheine, Dortmund, Köln, Bielefeld oder Düsseldorf, aber jetzt steht auf ihren Uniformhemden „Police“ statt Polizei. Klaus B. und Bülent C. (Namen geändert) sind Polizisten aus Nordrhein-Westfalen, die für bis zu einem Jahr Dienst als Polizeiausbilder in Afghanistan leisten.
Bis zu 38 Frauen und Männer aus unserem Bundesland tun dort an unterschiedlichen Standorten Dienst. Einige von Ihnen konnte ich jetzt in Afghanistan treffen und für ihre so harte und wichtige Aufgabe loben, die meiner Ansicht nach zu wenig öffentlich wahr genommen anerkannt wird. Im deutsch geführten Hauptquartier der Internationalen Schutztruppe ISAF machte ich mir ein Bild über die Erfahrungen der Beamten sowie von Soldatinnen und Soldaten aus NRW, die ich treffen konnte. Vorbereitet und begleitet wurde meine Reise von Martin Michalzik, meinem Büroleiter im Landtag, der in Wickede zu Hause ist.
Im Reisegepäck hatten wir ein großes Netz von 20 Fussbällen, die „auch rauhe afghanische Plätze aushalten“. Außerdem natürlich Ballpumpen, denn aufgepumpte Bälle wären im Flieger geplatzt. Die Polizisten können sie an Schulen oder Dorfgemeinschaften weitergeben. „Fussballleidenschaft gibt es auch hier“, freuten sich die NRW-Beamten über die „runden Botschafter“ aus dem Bundesland mit den meisten Bundesligavereinen. Ich traf die Polizisten in ihrem „Copland“-Quartier, das Teil des auf dem sechs Quadratkilometer großen Stützpunktgelände der Bundeswehr ist. Ihre Arbeitswoche hat sechs Tage. Regelmäßig sind die Kräfte in der Region unterwegs. Zusätzlich findet ein Ausbildungsprogramm für die Afghan Nation Police (ANP) auf dem Stützpunkt statt, das gemeinsam mit Polizisten aus anderen europäischen Ländern und den USA bestritten wird. Bis zu einem Jahr lang dauert der Auslandseinsatz. Aktuell steigt das Thermometer regelmäßig auf über 40 Grad im Mittag. Die Umgebung mit Wüste und Felsengebirge sowie die Sicherheitslage machen Freizeit jenseits der Campzäune kaum möglich. Daher ist als Polizei-„Oase“ ein früheres US-Armeezelt ganz wichtig, das mit viel Liebe, Fahnen aller Bundesländer und einem bunten Mix afghanischer Möbel und Teppiche zum Treffpunkt hergerichtetes wurde. Zusammen mit einigen Kollegen aus dem Bundestag, die ebenfalls an der Reise teilnahmen, wurden wir herzlich mit Kaffee und Kuchen begrüßt.
Zum Engagement deutscher Soldaten und Polizisten im Ausland gibt es sicher un-terschiedliche Auffassungen. Aber wir haben mit breiten parlamentarischen Mehrhei-ten in Deutschland beschlossen, am UN-Einsatz in Afghanistan mitzuwirken. Daher erwarten die für unser Land dort aktiven Frauen und Männer das echte Interesse, die Anteilnahme und Anerkennung der deutschen Öffentlichkeit und ihrer politischen Repräsentanten zu bekommen. Mir ist wichtig, für den Landtag diese Anerkennung zu zeigen“, so Uhlenberg.
Die aktuell in Masar-e-Sharif tätigen Polizisten gehören zu insgesamt bis 38 zu NRW-Beamten in Afghanistan. Sie bestätigten , dass sie sich insgesamt gut vorbereitet fühlen. Vor dem Einsatz stehen spezielle Einführungskurse u.a. in Brühl. Gerade deutsche Polizeikräfte genießen unter der Bevölkerung viel Sympathie und bei den lokalen Kollegen großen Respekt, meinte ein Beamter aus Dortmund. Dazu trage bei, dass wir auch Dinge offen ansprechen, die aus unserer Sicht bei einem Einsatz oder auf einer Wache hier nicht gut laufen. Dabei müssen sie stets beachten, dass Kritik und Schulungen viel Fingerspitzengefühl brauchen, „denn die Landeskultur müssen wir unbedingt respektieren.“
Mich hat beeindruckt, wie souverän und zuversichtlich unter schwierigen Umständen die Polizisten dort tätig sind. Für einige ist es schon der zweite Auslandseinsatz, nach einem Dienst z.B. im Kosovo. Zu wenig spreche man in Deutschland über Fortschritte gesprochen, die es hier gibt, gab sie uns auf den Weg. Dazu gehöre, dass sich die meisten Afghanen Frieden wünschen. Sorge macht, dass ein zu rascher Rückzug der internationalen Truppen jetzt mühsam erreichte Fortschritte und Vertrauen zu früh aushebelt. Natürlich ist hier fast alles anders und sehr schwierig. Insgesamt aber finden sie ihren Einsatz hier richtig. Einige wünschten sich, dass Auslandsverwendungen beim weiteren Berufsweg noch etwas mehr Anerkennung finden. Das werde ich an Kollegen im Landtag, die sich mit Polizeisachen befassen weitergeben. Ich berichtete, dass der Innenausschuss des Landtages am 9. Juni 2011 den Afghanistaneinsatz der nordrhein-westfälischen Polizisten diskutiert hat. Im Mittelpunkt standen ihre Vorbereitung und Betreuung der Beamtinnen und Beamten, die Sicherheitslage in Afghanistan, die Trennung zwischen militärischen und polizeilichen Aufgaben sowie der Stand beim Aufbau der afghanischen Polizei. Seit 2002 sind mit der ISAF internationale Polizeikräfte hier im Einsatz. Schon von den 50er bis 70erJahren gab es Fortbildungen für leitende afghanische Polizeikräfte in Deutschland, u.a. in der ehemaligen Polizeiführungsakademie Münster-Hiltrup, jetzt Deutsche Hochschule der Polizei.
Am Beginn des Programms stand eine stille Totenehrung auf dem Ehrenhain des Stützpunkts. Einem jungem Soldaten aus NRW aus Minden, der hier im Juni bei einem Einsatz fiel, ist der der zuletzt angebrachte Gedenkstein des Ehrenhains gewidmet. An seiner Beisetzung hatte ich teilgenommen und darüber nachgedacht, dass nicht wenige Soldaten, Polizisten und Zivilhelfer es schade finden, dass ihr Einsatz in Afghanistan wenig beachtet oder nur als vorprogrammierter Fehlschlag negativ angesehen wird. Daher war mir wichtig, mit einem Besuch vor Ort Anerkennung und Interesse für den Landtag, aber auch ein bischen für alle Nordrhein-Westfalen, die wir als Abgeordnete vertreten, zu zeigen. Bundesverteidigungsminister Thomas de Maziere fand das eine gute Idee und lud ein, an der zentralen Informationsreise für Bundestags-Abgeordnete teilzunehmen, die vom Parlamentarischen Staatssekretär Thomas Kossendey geleitet wurde. So kamen neben der NRW-"Minigruppe" acht MdB-Kollegen von CDU, FDP und SPD mit auf den strapaziösen Kurztrip. Dienstagfrüh um 7:00 startete der Airbus der Flugbereitschaft in Köln/Bonn und erreichte nach 8 Stunden via Bremen und Berlin das Logistik-Drehkreuz Termez im südlichen Usbekistan. Die Flugstrecke sind rund 5000 Kilometer. Ein besonderes Erlebnis war es, in der (alten) Kanzlermaschine zu reisen und den Service der Flugbereitschaft zu erleben. Auch ein Blick in das Cockpit von Flugkapitän Oberstleutnant Wegener war möglich. In Termez, kurz vor der afghanischen Grenze, schloss sich nach einem kurzen Zwischenstopp ein Nachtflug - die Region ist Deutschland drei Zeitstunden voraus - mit einem Transall-Truppentransporter in den Norden Afghanistans zur Stadt Masar-e-Sharif an.
Von hier aus leitet die Bundeswehr im Rahmen der ISAF-Mission der Vereinten Nationen die Sicherungsmaßnahmen im Norden Afghanistans. Im sog. Camp Marmal leben neben rund 4000 Soldaten aus bis zu 20 ISAF-Einsatznationen, darunter rund 2000 Soldaten der Bundeswehr und einige Dutzend Polizeibeamte Deutschland, an-deren EU-Ländern und den USA. Ein Soldat aus NRW ist Jürgen S. aus Erwitte, in Uhlenbergs Heimatkreis Soest gelegen. S. hat sich von seiner Frau und seinem 19jährigen Sohn Anfang Juli für seinen Einsatz in Masar-e-Sharif verabschiedet, der bis Ende Februar dauern wird. Als Oberstleutnant im Generalstab ist er in der Einsat-zunterstützung tätig, die die Soldaten aus bis zu 20 Nationen auf ihre mitunter sehr gefährlichen Patrouillenfahrten nährten und die gemeinsamen Einsätze mit afghani-schen Streitkräften vorbereitet. Steinrücke ist mit den Bedingungen insgesamt zufrie-den. Das weite Campgelände, das kein Grün und keinen Baum kennt, biete „anstän-dige Unterkünfte und tolle Sportmöglichkeiten, die von den verschiedenen Nationali-täten betrieben werden. Außerdem lasse der Dienst, der sieben Tage die Woche oft bis späte abends dauere, wenig Raum für Freizeit. Bier am Abend ist den deutschen Soldaten erlaubt, aber strikt begrenzt von 20 bis 22 Uhr und maximal auf dann zwei kleine Flaschen… Zahlreiche Offiziere und Mannschaften der im Wechsel jeweils über 5000 in Afgha-nistan eingesetzten Bundeswehrangehörigen kommen aus NRW oder aus Einheiten, die hier Standorte haben. 2013 wird - wie bereits 2003 - erneut das in Münster statio-nierte Deutsch-niederländische Korps die Führungsaufgabe im ISAF-Einsatz übernehmen, erfurh ich kürzlich vom gegenwärtigen General in Münster Ton van Loon.
In einer Reihe von Briefings mit dem tapferen General Kneip, der erst im Mai schwer bei einem Anschlag verwundet wurde, und bei Besichtigungen standen weitere die allgemeine Sicherheitslage, die Arbeit ziviler Entwicklunghelfer und natürlich auch der Alltag mit den Erfahrungen, Belastungen und Sorgen der Soldaten im Zentrum. Wir informierten uns über die Versorgung des Camps, die ärztli-che Versorgung, Fahrzeuge und Fluggerät der Truppe, darunter die „fliegende Intensivstation“ in einer Sanitäts-Transall und die unbemannte Drohne „Heron“. Sie kann Soldaten im Kampfeinsatz aus sechs Kilometern Höhe in Echtzeit hochauflösende Bilder von Gelände und feindlichen Kräften übermitteln. In einem Treffen mit der jüngst stationierten 1. US-Luftkavallerie-Division wurde auch die deutsch-amerikanische Partnerschaft unterstrichen und präsentierten die US-Streitkräfte ihre beeindruckende Kampfkraft. Allerdings muss Ziel unserer Bemühungen bleiben, Schritt für Schritt dahin zu kommen, dass internationale Militär-Hubschrauber oder Panzerfahrzeuge durch afghanische Polizei- und Zivilkräfte abgelöst werden, die den Wunsch nach Frieden und Stabilität bei den Menschen dort und bei uns einlösen können...
